Wo Möwen ihre Nester bauen

Brighton & Hove Albion hat 20 bewegte Jahre hinter sich: Ein Präsident, der das alte Stadion verkauft, Heimspiele im Exil und auf einem ungeliebten Platz. 

„Seagulls, Seagulls“, hallt es durch das Falmer Stadium des Brighton & Hove Albion FC. Die Mannschaft aus der südenglischen Küstenstadt hat im Spiel gegen Sheffield Wednesday gerade eine Chance vergeben. Der Aufschrei des Publikums hat eine Möwe aufgeschreckt. Sie flattert durchs Stadion und verschwindet im Nachthimmel. Ihr Anblick führt, wie er das immer tut, zu einem langgezogenen Skandieren des Spitznamens des Klubs. Doch die Fans der „Seagulls“ werden an diesem Dienstagabend im März nicht mehr oft Anlass haben, Lärm zu machen. Wie schon drei Tage zuvor beim Auswärtsspiel in Preston schaut am Ende nur ein 0:0 heraus.

p1180831

Bereit für den Aufstieg
Es sollte ein kurzes Zwischentief sein. Brighton spielt eine starke Saison. Zu Redaktionsschluss steht der Klub auf dem zweiten Rang der zweiten Liga. Zumindest ein Platz in den Play-offs, in denen die Dritt- bis Sechstplatzierten den dritten Aufsteiger in die Premier League ausmachen, scheint sicher. Drew Whitworth, Redakteur des Fußballmagazins When Saturday Comes, ist optimistisch: „Brighton hat nie zum Schluss einer Saison versagt. Und im letzten Spiel treffen sie auf den direkten Konkurrenten aus Middlesbrough.“

Bekannt ist der Klub aber weniger für sportliche Erfolge, sondern für seinen Charakter. DJ „Fatboy Slim“, der in Brighton seine Karriere startete, ist bekennender Fan des Vereins und war mit seinem Label „Skint“ neun Jahre lang Trikotsponsor. Heute noch besitzt er Anteile des Klubs. Auch ein anderer Musiker gehört beinahe zum Vereinsinventar. Punkrocker „Attila the Stockbroker“ hat die Hymne der Grafschaft Sussex, die auch bei Spielen des Klubs gesungen wird, in einer Ska-Version veröffentlicht, war jahrelang für die Durchsagen bei Heimspielen zuständig und ist durch seine Fußballgedichte zum regelrechten Klubpoeten geworden.

Bisherige Blütezeit des Vereins waren die Jahre 1979 bis 1983 mit Brightons einzigen Saisonen in der höchsten Spielklasse. Damals stand der Klub auch zum einzigen Mal im Finale des FA-Cup, musste sich dort 1983 aber im Wiederholungsspiel Manchester United beugen. Im Unterschied zu damals steht Brighton heute nicht nur sportlich gut da. „Der Klub hat ein Vermögen in das Stadion und in die Trainingsanlagen gesteckt. Die sind jetzt bereits auf höchstem Niveau“, sagt Andy Naylor, Sportchef der lokalen Tageszeitung Argus. „Das Geld, das andere Klubs nach einem Aufstieg für solche Posten ausgeben müssen, kann Brighton in das Team investieren.“ Doch um an diesen Punkt zu gelangen, musste der Klub eine fast 20-jährige Odyssee mit verschiedenen Ligen, Stadien und Besitzern ertragen.

Ein Stadion um 56 Pfund
Der Erfolg der 1980er Jahre fiel in eine düstere Zeit für den englischen Fußball. „Der Verein war gut zu einem schlechten Zeitpunkt“, sagt Whitworth. „Der Fußball war in der Krise, auch wegen des Hooliganismus. Es sind keine Zuschauer gekommen.“ Folglich ging die sportlich erfolgreichste Zeit dem Verein an die finanziellen Reserven. 1993 brachte ein Besitzerwechsel Brighton fast um. Damals übernahm Bill Archer, Betreiber einer Baumarktkette, die Kontrolle über den verschuldeten Verein. Der Kaufpreis: 56 Pfund und 25 Pence. Zwei Jahre später verkaufte Archer die langjährige Heimstätte, den Goldstone Ground, um rund sieben Millionen. Eine neue Spielstätte war zu dem Zeitpunkt nicht vorhanden. „Archer hat die 56 Pfund für das Grundstück gezahlt, nicht für den Klub“, sagt Whitworth. „Er wollte einfach Profit machen. Er hat die Statuten geändert, sodass er Gewinn aus dem Verein ziehen konnte.“

Die Fans waren wenig erbaut darüber. Diverse Protestaktionen inklusive zweier Platzstürme waren das Ergebnis, doch sie brachten nichts. Dass Archer wirklich ein neues Stadion bauen wollte, daran glaubten nur die wenigsten. Da der Präsident nicht unbedingt auf Transparenz setzte, mussten sie echte Neuigkeiten aus der Zeitung erfahren. „Wir haben damals viele investigative Geschichten gemacht“, sagt Journalist Naylor. „Auch deshalb war unser Verhältnis zu Archer getrübt. In den letzten Jahren des Goldstone Ground haben wir sogar Hausverbot gehabt.“ Die Reporter vom Argus wussten sich zu helfen. Aus einer Wohnung, die hoch genug lag, konnten sie ins Stadion fotografieren, und verkleidet schafften es die Journalisten auch weiterhin hinein.

Erschreckend hässlich
Als 1997 das letzte Spiel im Goldstone Ground stattfand, ging es nicht nur darum, sich von der langjährigen Heimstätte zu verabschieden. Brighton war inzwischen in die vierte Liga abgestiegen – und in höchster Gefahr erneut abzusteigen und damit aus der professionellen Football League zu verschwinden. Doch der Sieg gegen die Doncaster Rovers sicherte ein Entscheidungsspiel, im letzten Auswärtsmatch gegen Hereford United reichte ein Unentschieden zum Klassenerhalt. Das sportliche Fiasko war verhindert, doch die Heimstätte verloren. Die nächsten zwei Saisonen musste Brighton im mehr als 100 Kilometer entfernten Gillingham bestreiten. „Für eine Richtung haben wir eineinhalb Stunden gebraucht – und vier Autobahnen befahren müssen“, sagt Naylor. Die Zuschauerzahlen brachen ein.

Nach zwei Jahren konnte der Klub zumindest zurück nach Brighton wechseln. Im Withdean, einem kombinierten Fußball- und Leichtathletikstadion, fand der Klub ein neues Zuhause. Allerdings ein wenig beliebtes. Nach einer Umfrage der Tageszeitung Observer unter Fans galt das Withdean 2004 als viertschlechtestes Stadion des gesamten Königreichs. Dennoch erlebte Brighton dort eine der erfolgreicheren Zeiten der Klubgeschichte. Im Sommer 2002 stand der Klub erstmals nach zehn Jahren wieder in der zweithöchsten Liga. Für Naylor waren gerade die ungünstigen Voraussetzungen des Stadions mit ein Grund für die Erfolge: „Die Gästeteams waren vermutlich oft schockiert, wo sie da spielen mussten.“

Stadion im Naturschutzgebiet
Zu diesem Zeitpunkt hatte der Geschäftsmann Dick Knight den ungeliebten Präsidenten Bill Archer bereits abgelöst. Knight trieb die Planungen für ein neues Stadion am Stadtrand voran. Das war jedoch nicht einfach, wie Klubsprecher Paul Camillin erzählt, denn der gewählte Standort Falmer liegt in einer Region, die wegen ihrer landschaftlichen Schönheit unter besonderem Schutz stand. „Diese Einstufung war veraltet“, sagt Camillin. „Nach einem zähen Prozess hat der Klub die nötigen Bewilligungen erhalten.“

p1180860

Über zehn Jahre dauerte das Bewilligungsverfahren, unterstützt wurden Präsident Knight und seine rechte Hand Martin Perry durch die Fanbasis. Viele Anhänger engagierten sich im Netzwerk „Falmer for All“ für den Stadionneubau. Ihre Geschichten erzählt das Buch „We Want Falmer“, und die dort geschilderte Zusammensetzung der Aktivisten passt perfekt zu Brightons Image als Alternativklub: Punks, Buchhalter und Lehrer sitzen am einem Tisch, um die nächsten Aktionen zu besprechen. Die Funktionäre Knight und Perry sind als Teil der Bewegung dabei.

So unterschiedlich die Aktivisten, so vielfältig ihre Methoden: Vor einer Volksbefragung hängten Fans in der ganzen Stadt Ballone auf, sie verteilten Flyer in der Stadt und schrieben etliche Briefe an einflussreiche Politiker. Dem stellvertretenden Premierminister John Prescott, der eine entscheidende Rolle im Bewilligungsprozess spielte, wurde am Valentinstag 2004 eine überdimensionale Karte geliefert, auf der stand: „Roses are red, Brighton are blue. Our club’s future is all down to you.“

Pokern für Brighton
2011 konnte der Klub schließlich ins Falmer Stadium übersiedeln, 14 Jahre nach dem Auszug aus dem Goldstone Ground hatte Brighton wieder ein Zuhause. Knight hatte dafür jedoch den Präsidentensessel räumen müssen. Er war maßgeblich daran beteiligt, den Umzug zu ermöglichen, für den Stadionbau fehlte ihm jedoch das Geld. Der neue Präsident Tony Bloom, professioneller Pokerspieler und wie Knight langjähriger Fan, investierte 93 Millionen in das Stadion, wollte im Gegenzug aber auch die Kontrolle erhalten.

Waren die Fans in Gillingham und im Withdean noch weitgehend ausgeblieben, verdreifachten sich die Zuschauerzahlen nach dem Umzug auf knapp 20.000. Im Vorjahr lag der Schnitt schon über 25.000, das Stadion wurde mittlerweile auf 30.750 Plätze ausgebaut. „Das dürfte in etwa die richtige Größe sein“, sagt Klubsprecher Camillin. Eine auf Twitter kursierende demografische Analyse bescheinigt Brighton noch mehr Potenzial, nämlich das größte exklusive Einzugsgebiet eines englischen Fußballklubs. Aber Camillin relativiert: „Die Stadt liegt sowohl für Ältere als auch für Jüngere im Trend. Die Älteren bringen ihre Vorliebe für einen anderen Klub schon mit, die Jüngeren kommen eher wegen anderen Vorzügen in die Stadt.“ Die aktuelle Nachfrage sei aber ohnehin zufriedenstellend, immerhin gehört Brighton bei den Saisonkarten schon jetzt zu den erfolgreichsten Klubs des Landes. Und das bei einem Verein, der historisch eher in den unteren Ligen anzutreffen war. So lange wie jetzt, nämlich fünf Jahre, hielt sich der Klub noch nie durchgängig in der zweiten Liga. Camilin sagt: „Vielleicht müssen die Leute erst noch realisieren, dass hier ein guter Klub spielt.“


Dieser Text erschien – mit anderen Fotos – im ballesterer #111 und auf der ballesterer-Webseite

Keine Kommentare

Reply